Wird es Zombieunternehmen gelingen, um einen Insolvenzantrag herumzukommen?

Räumungsverkauf Zombieunternehmen
Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen ist trotz der Corona-Krise bislang überschaubar.
(Foto: picture alliance/dpa)

Schonfrist für Insolvenzanträge "Das ist ein fauler Kompromiss"

Auf den ersten Blick wirkt es wie eine Verschnaufpause: Die Schonfrist für überschuldete, aber zahlungsfähige Unternehmen gilt weiterhin. Wieso auch eine Überschuldung der Wirtschaft erheblich schadet und ob "Zombie"-Firmen um einen Insolvenzantrag herumkommen, erklärt Experte Ziegler im Interview.

ntv.de: Die Schonfrist für überschuldete, aber zahlungsfähige Unternehmen ist bis Ende des Jahres in Kraft. Für die Unternehmen eine willkommene Verschnaufpause, oder?

Klaus Ziegler: Für die Unternehmen mag es erst mal beruhigend sein. Allerdings muss man verstehen, dass auch eine Überschuldung nichts anderes heißt, als dass Unternehmen sich zunehmend Geld woanders besorgen müssen, um sich weiter zu finanzieren. Viele Banken gewähren Unternehmen aber keine Kredite mehr. Deswegen sind Unternehmen zunehmend gezwungen, sich ihre Finanzierung woanders zu suchen - etwa bei Lieferanten und Dienstleistern, indem sie ihre Rechnungen nicht bezahlen. Genau diese versteckten Kredite sind das Bedrohliche in der ausgesetzten Insolvenzantragspflicht.

ntv.de: Wieso bleibt die Insolvenzantragspflicht überhaupt bei Überschuldung weiter ausgesetzt, bei Zahlungsunfähigkeit aber nicht?

Klaus Ziegler: Das ist ein fauler Kompromiss, um nicht jetzt schon eine höhere Insolvenzwelle auszulösen. Die Zahlungsunfähigkeit führt dazu, dass die Unternehmen ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können und damit der Volkswirtschaft erheblich schaden. Letztendlich führt aber auch eine Überschuldung über kurz oder lang zum selben Effekt. Überschuldung heißt eben nämlich nichts anderes, als dass ich Geld von anderen brauche.

ntv.de: Halten Sie es für wahrscheinlich, dass die Antragspflicht bei Überschuldung nach dem 1. Januar 2021 dauerhaft wegfällt?

Klaus Ziegler: Ich habe den Eindruck, dass die Schonfrist verlängert werden wird. Was wir aber jetzt schon mitbekommen, ist, dass dadurch sogenannte Zombieunternehmen, die aus eigener Kraft nicht mehr bestehen können, künstlich am Leben gehalten werden. Je länger die Insolvenzantragspflicht hinausgezögert wird, umso mehr werden die Schulden anwachsen.

ntv.de: Welche Konsequenzen hat diese Sonderregelung für die gesamte Volkswirtschaft?

Klaus Ziegler: Die Sonderregelung führt in einen Teufelskreis. Dadurch, dass die Schäden immer größer werden, wird man irgendwann das Problem bekommen, dass Unternehmen von der Bildfläche verschwinden werden. Als Konsequenz daraus werden weniger Steuern und Sozialversicherungsbeiträge bezahlt, die Arbeitslosenzahlen werden steigen, aber auch die Investitionen auf der Unternehmerseite werden stark zurückgefahren werden. Das wird sich negativ auf die Wirtschaftsleistung in Deutschland auswirken. Schlussendlich wird es auch den Staat selbst hart treffen. Denn wir dürfen eins nicht vergessen: Zuletzt wurden viele schnelle Kredite gewährt, die über staatliche Förderbanken abgesichert wurden. Sollten die ausfallen, geht das auch zulasten des Staates.

ntv.de: Wird es Zombieunternehmen gelingen, um einen Insolvenzantrag herumzukommen?

Klaus Ziegler: Es wird sicherlich ein paar Ausnahmen geben, die sich retten können. Wenn Unternehmen jetzt allerdings durch Stundungen oder durch Aussetzen der Insolvenzantragspflicht immer mehr Schulden anhäufen, muss man sich die Frage stellen: Kann ein Unternehmen, das unter normalen Umständen vielleicht fünf Prozent Gewinn macht, die Schulden dauerhaft zurückbezahlen? Das wird den wenigsten gelingen, sie werden alle früher oder später einen Insolvenzantrag stellen müssen. Mit einem Unterschied: Durch den Aufschub haben sie wertvolle Zeit für eine Restrukturierung verloren.

KLaus Ziegler
Klaus Ziegler ist Partner und Geschäftsführer der Sanierungs- und Insolvenzberatung Planer und Kollegen GmbH.

ntv.de: Unternehmen, die gute Aussichten auf eine Fortführung des Geschäftsbetriebs sehen, können bei Gericht ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragen. Welche Vorteile hat dieses Verfahren?

Klaus Ziegler: Vorab: Auch ein Eigenverwaltungsverfahren ist ein Insolvenzverfahren innerhalb des von der Insolvenzordnung vorgegebenen Rahmens. Nur mit dem Unterschied, dass kein Insolvenzverwalter kommt. Bei diesem Verfahren ist der Geschäftsführer der Insolvenzverwalter selbst, das heißt, er bleibt im Drivers Seat. In der eigenverwaltenden Insolvenz haben die Unternehmen die Möglichkeit, sich dadurch zu finanzieren, dass sie drei Monate keine Löhne und Gehälter zahlen müssen, aber weiter produzieren können. Außerdem muss in diesem Zeitraum keine Umsatzsteuer abgeführt werden. In der Eigenverwaltung steht dem Unternehmen der gesamte Sanierungswerkzeugkasten der Insolvenzordnung zur Verfügung, mit dem zum Beispiel auch in langfristige Vertragsrechte wie etwa Mietverträge eingegriffen werden kann. Der große Vorteil ist, Unternehmen missbrauchen keine anderen wie Lieferanten oder Dienstleister als "versteckte Kreditgeber". Andere Unternehmen werden also dadurch nicht mit in den Abwärtsstrudel gezogen. So ein Verfahren geht nur mit einem tragfähigen Restrukturierungsplan, der frühzeitig erarbeitet werden sollte. Glücksritter, die sanierungsunfähig sind, werden durch ein solches Vorgehen von vornherein ausgeschlossen.

ntv.de: Würden Sie Unternehmen empfehlen, sich mit eigenen Kräften aus der Krise zu befreien?

Klaus Ziegler: Eine Insolvenz in Eigenverantwortung ist nichts, wofür man sich schämen muss, ganz im Gegenteil. Es gehört viel Mut dazu. Ein ganz wichtiger Faktor ist Zeit. Reagiert ein Unternehmen zu spät, verspielt es die Chance. Mit dem weiteren Aufschub der Insolvenzantragspflicht für überschuldete Unternehmen wird diese wertvolle Zeit verschwendet.

ntv.de: Das Bundesjustizministerium will Unternehmen mit finanziellen Problemen weitere Möglichkeiten zur Sanierung geben. Ein entsprechendes Gesetz soll Anfang 2021 in Kraft treten. Kann dadurch eine Pleitewelle endgültig abgewendet werden?

Klaus Ziegler: Unternehmen ohne ein tragfähiges Geschäftsmodell werden damit auch nicht gerettet werden. Dieses neue Gesetz, das zum 1. Januar in Kraft treten soll, schafft sicherlich neue Möglichkeiten - allerdings auch nur dann, wenn keine Insolvenzantragsgründe bestehen. Das heißt Unternehmen dürfen nicht zahlungsunfähig oder überschuldet sein. Dann könnte man auf Basis einer fundierten Planung aufzeigen, dass man durch entstandene Schulden und Verbindlichkeiten irgendwann drohend zahlungsunfähig wird und das nur durch einen Schuldenschnitt beseitigen kann. Das Ganze würde dann in einem gesetzlichen Rahmen stattfinden, nur eben nicht in der Insolvenz. Damit kann sicherlich eine gewisse Anzahl an Pleiten vermieden werden, die Zombieunternehmen werden damit aber nicht gerettet werden können.

Mit Klaus Ziegler sprach Juliane Kipper

Quelle: ntv.de Samstag, 07. November 2020

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