Die Insolvenz als Chance Handelsblatt vom 27.03.2017

Der traditionsreiche Münchener Handschuh-Fabrikant Roeckl muss nach der Insolvenz Läden schließen und Jobs streichen. Chefin Annette Roeckl will aber bleiben – und sich weniger abhängig vom launischen Wetter machen.

Anette_Roeckl
Annette Roeckl Die 49-Jährige ist eher widerwillig in die Familienfirma eingestiegen.

von Joachim Hofer

München Auch der eisig kalte Januar half am Ende nicht mehr. Die Münchener Handschuh-Fabrikantin Annette Roeckl musste vergangene Woche Insolvenz in Eigenverwaltung beantragen. Die 49-Jährige führe ihre Firma aber weiter, hieß es, der Geschäftsbetrieb sei gesichert. Allerdings werde ihr mit dem Unternehmensberater Thomas Planer ein Sanierungsexperte zur Seite gestellt. Das Duo dürfte in den nächsten Wochen viel zu tun haben. Für das traditionsreiche Unternehmen stehen harte Schritte an: Sieben Läden mit 45 Mitarbeitern will Roeckl schließen, fast jeder vierte Job in Deutschland fällt damit weg.

Ziel sei es, sich auf die wichtigsten Städte zu konzentrieren. Vor allem aber möchte sich Roeckl weniger abhängig vom launischen Winter machen. Längst hat Annette Roeckl auch Accessoires für das ganze Jahr ins Angebot mit aufgenommen, also Taschen, Hüte, Tücher, Geldbörsen, Gürtel. Dieses Geschäft will sie deutlich ausbauen.

Annette Roeckl ist einst eher widerwillig in die 1839 gegründete Familienfirma eingestiegen. Aus Prinzip trug sie bis zu ihrem 20. Lebensjahr keine Handschuhe. 2003 übernahm sie schließlich doch den Chefposten, in sechster Generation. Sie trieb die Internationalisierung voran, baute das Filialnetz aus, erweiterte das Sortiment. Produziert wird in eigenen Werkstätten in Rumänien. Doch das alles reichte nicht, um dem meist viel zu warmen Wetter und weltbekannten Konkurrenten wie Hermès oder Louis Vuitton zu trotzen. „Wir wollen selbstständig bleiben“, unterstrich Roeckl vor zwei Jahren im Handelsblatt-Interview. Doch nur wenn die Sanierung gelingt, wird auch die siebte Generation in ihr Chefbüro an der Isar einziehen können.

Quelle:

German Select/Getty Images

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